Wenn Durst zum Todesrisiko wird

Der Spaziergänger, der durch die Wälder streift, wird von den Gründen nichts ahnen. Laue Frühlingsluft, die Sonne scheint, die Vogelwelt erwacht. Ein Idyll wie immer, mag  man meinen. Nur eines fehlt: der Regen. Da, wo sonst im Frühjahr kleine Bächlein durch die Wälder plätschern, ist wenig oder nichts. Unter dem Laub, das Buchen und Eichen im Herbst auf dem Waldboden hinterlassen haben, ist es trocken, wenn man die oberste Schicht beiseite schiebt. Eine dramatische Situation, wissen die Förster.

„In diesem Winter hatten wir nur die Hälfte der durchschnittlichen Niederschläge“, sagt Wetzlars Förster Thomas George. Und das ist keine Ausnahme, sondern eine bedrohliche Entwicklung. Schon im gesamten Jahresverlauf 2016 fehlte ein Viertel dessen, was sonst üblicherweise gemessen wird.

Und 2015 war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1881. Im nun vergangenen Winter gab es unter anderem wegen der langen, trockenen Frostperiode nur die Hälfte des Niederschlags, den es in einem normalen Jahr gegeben hätte. Im Dezember fielen in Wetzlar gerade mal 20 Liter Wasser vom Himmel.

Ulmen, Eschen, Fichten und Kiefern leiden am meisten unter den Klimabedingungen

Noch sind die Bäume zumeist kahl. Aber im April, wen es überall sprießt und grünt, wird man sehen, wo die Trockenheit ihre Spuren hinterlassen hat. Verdursten werden die Bäume nicht. Sie haben in der Regel ein ausreichendes und verzweigtes Wurzelgeflecht. Aber je weniger Wasser da ist, desto anfälliger werden die Bäume beispielsweise gegen Pilze, die ihnen bislang nichts haben anhaben können.

Immer wieder trifft es andere Baumarten. Die Ulme beispielsweise ist wegen eines von Käfern übertragenen Pilzes nahezu ausgestorben. Im vergangenen Jahr traf es die Eschen. Das Eschentriebsterben ließ die neuen Triebe verkümmern. Viele Bäume starben ganz ab, nur wenige zeigten sich resistent gegen Hymenoscyphus fraxineus, wie der Pilz heißt, der das Sterben ausgelöst hat.

„16 Prozent aller Deutschen glauben nicht an den Klimawandel. Das, was hier gerade passiert, ist doch der traurige Beweis dafür, dass es ihn gibt“, sagt Wetzlars Umweltdezernent Norbert Kortlüke (Grüne).  Mit Forstamtsleiter Harald Dersch und Revierförster Thomas George hat er sich in Büblingshausen getroffen, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Für ihn ist klar, dass trotz der weltweiten Bedeutung des Klimawandels lokal gehandelt werden muss.

Jüngstes Beispiel für das Baumsterben sind die Kiefern. Entlang des Radwegs zwischen Büblingshausen und Münchholzhausen beispielsweise brummen demnächst die Motorsägen. Dann müssen die Kiefern fallen, denen ebenfalls ein Pilz den Garaus gemacht hat.

Den Pilz gibt es fast überall, Bäumen schadet er aber nur dort, wo diese bereits geschwächt sind unter anderem  durch Trockenheit.

Im Wald bei Ehringshausen war es schon 2015 soweit: Rund 3000 Bäume waren nicht zu retten. 2016 fielen über 700 am Stoppelberg bei Wetzlar.

Selbst die Buchen reagieren auf den Wassermangel. Schon im Sommer warfen viele Bäume ihr Laub ab, weil sie nicht mehr konnten befördert auch durch den Umstand, dass es in diesem Jahr besonders viele Bucheckern gab. Bei vielen Buchen platzte die glatte Rinde auf und schwarzer Schleim floss aus den Rissen.

Den Baum des Jahres 2017 gibt es bei uns seit 1000 Jahren, aber er hat keine Aussicht auf Zukunft

Die Fichten, die früher oft und gern gepflanzt wurden, leiden. Ihnen machen die Buchdrucker und Kupferstecher sehr zu schaffen, die leichtes Spiel haben, wenn die Fichte Durst hat. Die Borkenkäfer fressen Gänge unter der Rinde und unterbrechen so den Saftfluss in die Wipfel. Die Bäume sterben ab. Seit 1000 Jahren gibt es Fichten in Mittelhessen, sie sind seit jeher ein beliebtes Bauholz. Dachstühle, Verschalungen, Kanthölzer und Dachlatten sind aus Fichte. 2017 ist die Fichte der Baum des Jahres. Aber:  „Die Fichte geht uns als bestandsprägende Baumart verloren“, weiß Fortamtsleiter Harald Dersch.

Was tun? Die Antwort ist nicht einfach, schon allein deshalb, weil die Forstleute nur Menschen sind. Sie können nicht 150 Jahre in die Zukunft blicken. Aber sie bemühen sich, stabile Baumbestände aufzubauen – nach den heutigen Kenntnissen.

Und heute gilt: Am stabilsten ist die gute Mischung aus Laub- und Nadelhölzern. Werden einzelne Baumarten, so wie derzeit Esche, Fichte und Kiefer, von Pilzen oder Käfern dezimiert, so bleibt trotzdem Wald erhalten, erklärt Thomas George. Und manche Arten, die nicht mehr gehen, müssen ersetzt werden.

So werden statt der Fichten unter anderem Douglasien gepflanzt, die aus Nordamerika stammen und ein vergleichsweise hartes Holz haben. Seit 140 Jahren gibt es sie hier, und es zeigt sich, dass sie mit dem sich wandelnden Klima besser zurecht kommen als die Fichte.  Der Wald ändert sich, weil sich das Klima ändert.

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