Verborgene Naturparadiese

27.05.17 – (-) Wetzlar/Lahnau/Solms Die Route ist vermutlich so einsam wie das Ziel: Zwischen Wetzlar und Albshausen, den Altenberg zur Rechten, rollen wir einem Auenbiotop an der Lahn entgegen. Der Weg ist grün, die Räder holpern. Natur pur – Teil 2 der Reihe „Heimat Erfahren“ 2017.

Als Walter Veit seine radelnden Besucher umherführt, da raschelt es kurz und dann schießt ein Hase aus dem Unterholz. Schlägt Haken auf der Wiese und wetzt Richtung Albshausen außer Sicht. Schon ist es wieder still im Lahnauenbiotop. Nicht ganz, wer genau hinhört, der nimmt im Lärmteppich der vierstreifigen Bundesstraße besonders die Töne aus der Vogelwelt wahr. Wenige Kilometer entfernt von Wetzlar, zwischen Straße, Eisenbahn und Lahn, hat sich ein Refugium für Vögel und Insekten entwickelt – und den Biber. Dazu später mehr.

Das erste Biotop auf dieser Tour liegt ebenfalls an der Lahn, einige Kilometer östlich bei Dutenhofen. Damit aus den Biotop-Besuchen eine gescheite Tour wird, starten wir am Wetzlarer Bahnhof, auch wenn das bedeutet, dass wir einen Teil des Weges doppelt fahren müssen. Wer das vermeiden will, der beginnt am Dutenhofener Bahnhof, was von der Anreise her ähnlich komfortabel ist. Alle anderen steigen in Wetzlar aus dem Zug, Bus oder Auto, wenden sich am Pendlerparkplatz nach rechts und rollen durch die Philipsstraße in die Dammstraße, wo der Lahntalradweg erreicht wird. Ihm folgen wir ostwärts, vorbei an Naunheim, unter der Autobahn hindurch, an Waldgirmes vorbei. In Dorlar, zu Füßen der Villa an der Lahn, lohnt die erste Rast. Die Sonne wärmt und mit der Lahn zur Rechten und den hübschen Bauten zur Linken kehrt Urlaubsstimmung ein. Dem Lahntalradweg folgen wir bis Atzbach. Wer Glück hat, entdeckt Meister Adebar auf dem Nest in der Aue oder bei der Nahrungssuche. Nach einem Umweg durch den Ortskern mit seinem schmucken Fachwerk geht es quer durch die Lahnaue Richtung Dutenhofen, auf der 122 Jahre alten Brücke über die Lahn, dann rechts auf den Radweg zurück nach Dorlar, nur wenige Meter von der vierspurigen B 49 entfernt.

Naturlandstiftung: Das sind Freiwillige, die der Natur ein wenig unter die Arme greifen wollen

Es klingt unglaublich, aber mitten im Lärm der Straße hat sich ein prächtiges kleines Biotop entwickelt. Oder besser: Es wird entwickelt. Denn so, wie der Mensch seit jeher die Lahnaue verbaut, verändert und verunstaltet hat, so versuchen fleißige Helfer seit einigen Jahren, der Natur unter die Arme zu greifen. In vorderster Front aktiv ist die Naturlandstiftung unter ihrem Vorsitzenden Horst Ryba, die im Lahn-Dill-Kreis Biotope mit einer Fläche von gut 400 000 Quadratmetern eingerichtet hat. Im größten davon befinden wir uns: Das Auenbiotop „Lahnschlinge“ betreut die Stiftung seit 2009. Ihr Prinzip ist überall gleich: Gemeinden, teils auch Privatleute, bieten Flächen zur Pflege an. Die Stiftung kauft oder pachtet sie. Mit Hilfe von Fachleuten werden Ziele erstellt, wird festgelegt, wie sich das jeweilige Biotop entwickeln soll. Die Pflege wird lokalen Pflegegruppen übertragen – Freiwillige. „Das sind Menschen, die sich vor Ort auskennen und eine Verbindung zu den Biotopen haben“, sagt Ryba. Umweltdezernent Norbert Kortlüke (Grüne) fügt an: „Die Naturverbundenheit der Leute vor Ort ist viel höher als bei externen Fachleuten.“

Lassen wir die „Leute vor Ort“ also zu Wort kommen: Das Biotop Lahnschlinge mit seinen vier Abschnitten wird unter anderem von Anglern und Jagdpächtern betreut. Werner Müller gehört zur Pflegegruppe und erklärt das Ziel der Arbeit: „Wir wollen die Reste der Auenlandschaft schützen und weiterentwickeln.“ So sorgt ein Landwirt für Mahd und Beweidung. Die Angler beseitigen den Müll am Ufer. Der Naturschutzbund erledigt ein Pflanzenmonitoring und die Jäger drängen fremde Arten wie das Springkraut zurück. Und Müller bestätigt, was der Dezernent unterstellte: „Die ortsansässigen Gruppen haben eine hohe Motivation, weil sie sich hier auskennen.“ Pause. „Ich habe noch in der Lahn schwimmen gelernt.“ Unterstützt werden die Ehrenamtler von der Stadt, der Sparkassenstiftung, und es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber wir müssen weiter, Biotop Nummer zwei wartet.

Biotop Albshausen

Es geht zurück durch Dorlar und über den Lahntalradweg wieder nach Wetzlar, wo die Fahrt an der Ampel am Buderusplatz stoppt. Im Getümmel zwischen Autos und Menschen, Abgasen und Mororenlärm klingt ein Satz nach, den Horst Ryba kurz zuvor gesagt hat. „Unsere hoch technisierte Welt braucht Ruhezonen.“

Einer solchen rollen wir nun entgegen. Durch die Langgasse, über den Haarplatz, die Bachweide und am Stadion vorbei geht es in die Braunfelser Straße, dann rechtsab ins Gewerbegebiet, auf der Walter-Zapp-Straße unter der Lahntalbahn hindurch und raus aus der Stadt. Weite, Luft und Licht empfangen die Radler. Der Weg wird schmaler und ist am Ende nicht mehr als solcher auszumachen. Die Räder rollen über Gras und in der Ferne ist ein Mann zu erkennen das Fernglas im Anschlag, die Regenjacke weht im Wind. Walter Veit kennt das im Jahr 2006 von der Naturlandstiftung eingerichtete Biotop Albshausen wie seine Westentasche. Auch hier handelt es sich um ein Auenbiotop, auch hier ist die Lahn ganz nah, die Bundesstraße und der Lärm. Veit versteht es, die Natur vor Ort mit dem großen Ganzen zu verbinden. Er erzählt, was im Biotop Albshausen so lebt, zählt Teichrohrsänger auf, Nachtigall, Rohrammer und diverse Grasmücken. Und sagt dann, warum es wichtig sei, diesen Tieren einen Lebensraum zu geben: Weil der Mensch sie ausrottet und zwar sehr effektiv. Die Lebensräume sind vernichtet, zum Beispiel an den Flüssen. Die Äcker, an deren Rändern viel Getier seit jeher Nahrung und Schutz fand, werden gemäht und gemulcht oder mit Glyphosat und Co. totgespritzt. Wenn Berichte über Fusionen in der Chemiebranche durch die Presse gehen, Veit nennt BASF und Monsanto als konkretes Beispiel, dann sind sie für den lokalen Experten nicht weit weg. „Die Folgen sehen wir hier“, sagt er und zeigt in die Natur. Zuerst sterben die Insekten, dann die Vögel. Es ist still geworden in der Landschaft. Im Biotop Albshausen wird auch Landwirtschaft betrieben, allerdings spricht Veit mit den Landwirten darüber, was und wann etwas getan wird auf den Flächen, ob und wie gedüngt wird zum Beispiel.

Und dann zeigt der hochgewachsene Mann etwas, das vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer ist: Umgefallene Bäume, klare Spuren: Der Biber war hier am Werk. Den genauen Ort des Biberbaus will Veit nicht verraten, fürchtet einen Ansturm. Zudem, erzählt er, haben die Tiere ein Revier, das sechs oder sieben Kilometer Flusslauf umfassen kann. Möglich also, dass in Albshausen, Wetzlar oder Dorlar der gleiche Biber gesehen wird.

Ein Hinweis zum Schluss: Die Naturlandstiftung bittet – vor allem in Dutenhofen –, dass Besucher die festen Wege nicht verlassen, nicht auf eigene Faust in die Biotope gehen. Es sind Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Und sie sollen es bleiben.

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