Mit viel Energie neue Lösungen anbieten – Von E-Mobilität bis öffentliches WLAN: enwag wird vom Versorger zum Systemanbieter umgebaut

Wetzlar, 18.11.17 Grüner, dezentraler, digitaler und stärker System- und Dienstleistungsanbieter will die enwag werden. Nach sechs Monaten Arbeit liegt das Strategiekonzept mit neuen Geschäftsfeldern auf dem Tisch, mit dem der regionale Energieversorger neu aufgestellt werden soll.

Die Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft sind ständigem Wandel unterworfen, das reine Liefern von Strom und Gas und der Netzbetrieb werden künftig für regionale Anbieter wie die enwag nicht mehr ausreichen. Hinzu kommt der Preiskampf mit bundesweit agierenden, reinen Betriebsgesellschaften. Auch die Zahl branchenfremder Akteure, die neue Dienstleistungen anbieten, nimmt stetig zu. Neue Geschäftsfelder sind nötig, um in Zukunft zu bestehen. Nach ihnen hat die enwag mit Unterstützung von Beratern der kwp Consulting Group aus München in den vergangenen sechs Monaten gesucht. Jetzt liegt das Strategiekonzept vor.

Mit dem Ergebnis ist Stadtrat Norbert Kortlüke (Grüne) als enwag-Aufsichtsratsvorsitzender „sehr zufrieden“. Die enwag werde „ihr Gesicht verändern mit der Zielsetzung, noch kundenorientierter, zuverlässiger und zukunftsfähig zu sein“.

30 Fach- und Führungskräfte haben ein halbes Jahr lang an den neuen Strategien gearbeitet

Als Mehrheitsgesellschafter sei die Stadt an einem stabilen Wachstum der enwag interessiert. Aus Steuern, Gewinnen und Konzessionsabgaben fließen alljährlich Millionen in den städtischen Haushalt.

„Was wollen wir künftig bieten?“ Mit dieser Frage haben die beiden enwag-Geschäftsführer Berndt Hartmann und Detlef Stein in einem Team von 30 Fach- und Führungskräften in den vergangenen Monaten zunächst die aktuellen Geschäftsfelder gründlich analysiert und Möglichkeiten für Weiterentwicklungen in den Bereichen Strom- und Gasverkauf, Verbreiterung Wassergeschäft, Photovoltaik und Wärme-/Kältecontracting untersucht.

Was das klassische Geschäft mit Strom und Gas angeht, so will sich der Versorger weiter auf sein Kerngebiet Wetzlar und die umliegenden Gemeinden konzentrieren. „Wir wollen kein deutschlandweiter Anbieter werden“, sagte Hartmann. Ziel sei es, die Bestandskunden durch attraktive Preispolitik und neue Angebote – „Energie aus einer Hand“ – zu halten und neue Kunden hinzuzugewinnen. Dabei sollen verstärkte Marketing- und Vertriebsmaßnahmen helfen, oder auch die Erweiterung der WetzlarApp um einen virtuellen Marktplatz.

Angesichts der Endlichkeit fossiler Brennstoffe sei die regenerative Energieerzeugung ein Kernthema der Strategie, sagte Hartmann. Auf diesem Markt wolle sich die enwag mit innovativen Geschäftsmodellen, attraktiven Produkten und Energieeffizienz-Dienstleistungen positionieren.

Ausgelotet werden aktuell Möglichkeiten der engeren Zusammenarbeit mit der Stadt. Konkret diskutiert wird die Übernahme der Straßenbeleuchtung in Form eines Contracting-Modells und ein Energiemanagement-System für öffentliche Liegenschaften. Auch das Feld E-Mobilät möchte die enwag als „Platzhirsch“ in Wetzlar besetzen, ein Ladenetz aufbauen, welches von öffentlichen Stationen bis zu jenen bei Gewerbe oder Privathaushalten reicht. Effiziente Lösungen für die Innenbeleuchtung, ebenfalls in Form von Contracting, könnten künftig Industriebetrieben und Verwaltung angeboten werden, nachdem das Kälte- und Wärme-Contracting bereits erfolgreich läuft. Für Privathaushalte könnten zudem Pakete vom effizienten Heizen bis zum kompletten Smart-Home geschnürt werden.

In Zeiten, in denen von der Gigabyte-Gesellschaft die Rede ist, gilt auch der Aufbau eines Glasfasernetzes als langfristiges Zukunftsthema für den Versorger. Sehr viel kurzfristiger ließe sich ein öffentliches WLAN-Netz im Wetzlarer Stadtgebiet realisieren. Der Digitalisierung kommt in der enwag-Strategie insgesamt eine wichtige Rolle zu – auch zur Optimierung interner Abläufe.

Laut Detlef Stein geht es bei der Neuausrichtung des Unternehmens darum, das veränderte Kundenverhalten und die Anforderungen der Energiewende Energiespeichern zusammenzubringen. Für die neuen Felder seien zusätzliche Mitarbeiter nötig, kurzfristig drei und mittelfristig sechs. Der langfristige Bedarf sei noch nicht ermittelt. Die aktuellen Auszubildenden könnten sich nahezu sicher sein, dass sie anschließend eine Anstellung erhalten.

Aus Sicht von Bernhard Weilharter von der kwp Consulting Group wird die enwag „grüner , dezentraler und zunehmend System- und Dienstleistungsanbieter“. Der Übergang von der „alten“ zur „neuen“ enwag werde nahtlos erfolgen. Es handele sich um einen Prozess, der bereits eingesetzt habe und nicht enden werde, weil das Unternehmen auch in Zukunft ständig auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren müsse.

Für die Startphase rechnet die enwag mit einer Verdreifachung der bisherigen jährlichen Investitionen. Alle Maßnahmen seien hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit geprüft worden.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld