Setzen gemeinsam auf die Zukunftsstrategie für die enwag (v.l): Manfred Wagner, Berndt Hartmann, Norbert Kortlüke, Detlef Stein und Gerald Kalny

Die enwag-Welt soll bunter werden

Nach wie vor erwirtschaftet der lokale Energieversorger solide Zahlen: Mit 140 Mitarbeitern wurden 2015 mehr als 54 Millionen Euro Umsatz gemacht (aktuellste Zahlen). Die enwag versorgt 32 500 Strom- und 12 000 Erdgas-Netzkunden sowie weitere 4400 Kunden der Gasversorgung Lahn-Dill. Ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, kann und darf das aber nicht sein. Denn die Fokussierung auf die klassischen Themen Vertrieb und Netzbetrieb gilt als Auslaufmodell.

Das wird spätestens beim Blick in die Preisvergleichsportale deutlich. „Der Wettbewerb wird schärfer, der Markt fragiler“, sagte der kaufmännische enwag-Geschäftsführer Berndt Hartmann. Die enwag bekommt es dabei nicht nur mit immer mehr Wettbewerbern zu tun, die als reine Betriebsgesellschaften mit Kampfpreisen an den Markt gehen. Auch die Zahl branchenfremder Akteure, die neue Dienstleistungen anbieten, nimmt stetig zu.

Fahrplan für das Unternehmen soll „von unten nach oben“ mit den Mitarbeitern entwickelt werden

Ihnen will die enwag künftig einen Schritt voraus sein. Deshalb wurde ein Strategieprojekt innerhalb des Hauses gestartet: Gemeinsam mit den Mitarbeitern werden Hartmann und sein technischer Geschäftsführerkollege Detlef Stein in den nächsten sechs Monaten einen Fahrplan für die Zukunft des Unternehmens erarbeiten. Ein Prozess „von unten nach oben“ soll es sein, erklärte Stein. Mit Hilfe von Workshops und Arbeitsgemeinschaften werde aus dem vorhandenen Potenzial geschöpft.

Die drei D sind entscheidend:

Getrieben ist der Wandel durch die drei D: Dezentralisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung: Die dezentrale Energieversorgung, also diejenigen, die sich mit ihrem eigenproduzierten Strom selbst versorgen, ist weiter auf dem Vormarsch. Das hat nicht nur zur Konsequenz, dass der Versorger seine Netze darauf abstellen muss, auch der Stromverkauf wird zurückgehen. Die Frage, die sich dabei stellt, brachte Gerald Kalny von der von kwp Consulting Group auf den Punkt: „Wie verdiene ich Geld, indem ich den Kunden nicht beliefere?“ Bislang hörte die Stromlieferung am Zähler auf, jetzt gehe es darum, hinter den Zähler zu gehen und gemeinsam mit dem Kunden Lösungen zu entwickeln. An dieser Stelle kommen Digitalisierung und Dekarbonisierung ins Spiel: „Es geht um Daten und Wissen, um Kundenwünsche und Versorgungssicherheit“, so Hartmann. Als ein Beispiel für die Digitalisierung führte der enwag-Chef das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewirtschaft an, das seit September 2016 in Kraft ist. Es regelt die flächendeckende Einführung von intelligenten Messesystemen, den sogenannten Smart Metern. Die sind wichtig für die Energiewende, weil sie Echtzeitdaten liefern, um Energieangebot und -nachfrage besser in Einklang zu bringen.

Ziel der Dekarbonisierung ist es, den Verbrauch fossiler Energien und damit den Treibhauseffekt zu reduzieren. Dazu wolle die enwag ihren Beitrag vor Ort leisten – „mit nützlichen Dienstleistungen für Kunden und Kommunen sowie durch unser eigenes Handeln“, erklärte Hartmann. Bereits seit 2012 wird das Energie- und Klimaschutzkonzept schrittweise umgesetzt, das gemeinsam mit den Städten Wetzlar, Solms, Leun und Aßlar entwickelt wurde.

Volle Unterstützung bei der Entwicklung der Zukunftsstrategie für die enwag gibt es von den Gesellschaftern, der Stadt Wetzlar (50,1 Prozent) und der Thüga AG (49,9 Prozent), sagte der Stadtrat und Aufsichtsratsvorsitzende Norbert Kortlüke (Grüne). Denn ohne Frage hat die Stadt ein gewichtiges Interesse an einem auch künftig starken, mehrheitlich kommunalen Unternehmen. Steuern, Gewinne und Konzessionsabgaben stützen seit vielen Jahren verlässlich den städtischen Haushalt. Darüber hinaus gehe es um die Sicherung von Arbeitsplätzen, sagte Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD). Nach dem Willen der Stadt solle die enwag auch künftig erster Ansprechpartner für die Kunden sein, wenn es um Heizen, Kühlen und mehr gehe.

Dienstleistungen im Bündel: Den Kunden müssen künftig individuelle Lösungen geliefert werden

Wie sich der lokale Versorger ausrichten wird, kann heute noch niemand beantworten. Der sechsmonatige Prozess ist gerade erst gestartet worden. „Kleinteiliger, bunter und individueller“ solle das Angebot an Dienstleistungen werden. Zunehmend würden Dienstleistungen gebündelt. Unterstützung kommt dabei von der kwp Consulting Group, die auf Energieversorger spezialisiert ist. Die Branche stehe vor „dramatischen Veränderungen“, sagte Kalny. Den Kunden müssten künftig individuelle Lösungen geliefert werden.

Enger soll auch die Verzahnung mit der Stadt werden. Die enwag könnte beispielsweise nicht einfach „nur“ Strom, sondern Licht liefern, indem sie im Wege eines Contracting-Modells die Straßenbeleuchtung übernimmt. Denkbare Bereiche wären auch die Wärme- und Kälteversorgung für (städtische) Gebäude oder die Erschließung neuer Baugebiete.

Und sollte in Zukunft der Ausbau der E-Mobilität in Wetzlar forciert werden, dann wäre auch das ein klassisches Feld, welches die enwag besetzen könne, so Hartmann.

http://www.enwag.de/

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